„Gott, bitte bring das wieder in Ordnung!“

Wie kühn dürfen wir Gott um etwas bitten? Können wir ihm etwa auch mit Forderungen kommen? Das müsste doch eigentlich möglich sein. Wenn er ein Gott der Gerechtigkeit ist, dann dürften wir doch von ihm erwarten, dass er einen Ausgleich dort schafft, wo die Dinge schief liegen – wo keine Gerechtigkeit herrscht. Oder?

Das Defizit wurde aufgefüllt

Auf die Spur dieser Fragen bin ich an einer unerwarteten Stelle gestoßen. (Ich gehe also quasi durch den Seiteneingang ins Thema.) Als ich im 1. Buch Könige über die Regierung von Salomo las, habe ich bei zwei Versen aufgehorcht. Salomo spricht über seinen Vater David und sich selbst. David musste auf bestimmte Möglichkeiten in seinem Leben verzichten, und zwar, so sagt Salomo, „wegen des Krieges, mit dem seine Feinde ihn umringten, bis der Herr sie unter die Sohlen seiner Füße legte. Nun aber hat der Herr, mein Gott, mir Ruhe verschafft ringsum; kein Widersacher ist mehr da und kein schlimmes Geschick“ (1. Könige 5,27-28).

Aufgehorcht habe ich, weil sich hier ein Wort wiederholt: „umringen“ / „ringsum“.

  • Ringsum war David von Feinden umgeben.
  • Ringsum hat Gott Salomo Ruhe verschafft.

In beiden Worten steckt dieselbe hebräische Wort-Wurzel: sbb (gesprochen hier: sawaw). Bei David war dieses Wort eine Beschreibung der Gefahr. Bei Salomo ist es Beschreibung von Gottes Hilfe und Segen. Offenbar hat Gott einen Ausgleich geschenkt. Das Defizit wurde aufgefüllt. Gott hatte die Bedrängnis zugelassen, hat das aber später wieder in Ordnung gebracht.

Gott hatte die Bedrängnis zugelassen, hat das aber später wieder in Ordnung gebracht.

Eine Bitte, die möglich ist

Schön für Salomo, könnte man denken – aber macht Gott das denn immer? Können wir das von ihm erwarten? Dürfen wir es von ihm erbitten?

 Es gibt tatsächlich ein biblisches Gebet, das in diese Richtung geht. Es steht im 90. Psalm und lautet:

„Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast, so viele Jahre, wie wir Unglück erlebten!“ (Psalm 90,15)

Hier wird Gott darum gebeten, einen Ausgleich zu schaffen. Die Tage der Not zu ersetzen. Die Jahre des Unglücks wieder mit Glück aufzufüllen. Ob Gott das immer macht, bleibt offen. Ob wir das von ihm erwarten können, weiß ich nicht. Aber dass ich so etwas von Gott bitten darf – das sehe ich hier. Das Gebet in Psalm 90 zeigt es.

Ob Gott das immer macht, bleibt offen. Ob wir das von ihm erwarten können, weiß ich nicht. Aber dass ich so etwas von Gott bitten darf – das sehe ich hier.

Das „Wenn-schon-denn-schon-Gebet“

Ich leite daraus für mich ab: Kühnheit im Bittgebet ist nicht verkehrt. Ich möchte Mut gewinnen, Gott zu sagen: Wenn du schon dies und das in meinem Leben zugelassen hast, wenn mir schon dieses auferlegt wurde und jenes verwehrt blieb – dann kümmere dich bitte auch darum, dass das später wieder ins Lot kommt. Bring Unglück und Glück zumindest wieder in Balance, Gott. Du hast gesehen, was mir passiert ist – bitte bring das wieder in Ordnung!

Vielleicht dürfen wir daraus sogar eine Art Gebetsform ableiten: das „Wenn-schon-denn-schon-Gebet“. Wenn mein Leben schon so gelaufen ist, wie es lief, dann mach bitte auch einen entsprechend passenden und entsprechend großen Segen daraus.

Mit einem Wenn-schon-denn-schon-Gebet kann ich dann auch darum beten, dass die Erfahrung von David und Salomo kein einmaliges Beispiel ist, sondern sich auch heute bei denen ereignet, die viel einzustecken haben: So wie „ringsum“ die Probleme aufmarschieren, so möge Gott von „ringsum“ auch Segen, Frieden und Befreiung in die Situation hineinschicken.

Generationen-Perspektive

Eins allerdings dürfen wir dabei nicht übersehen: David kämpfte mit den Feinden und sein Sohn erlebte Frieden. Gott schuf einen Ausgleich, Gott „brachte es wieder in Ordnung“ – aber erst in der folgenden Generation. Genauso ist Psalm 90 ja ein Gebet, das mit der Begrenztheit des Lebens ringt und den Tod als Grenze aller Pläne vor Augen hat. Deshalb finden wir in Vers 15 zwar eine Bitte, aber mehr als eine demütige Bitte ist es nicht. Es gibt keinen Anspruch – zumindest nicht darauf, dass innerhalb eines einzelnen Lebens schon alles wieder gut wird. Gott hat nun einmal (so hart das für uns ist) oft eine Ewigkeitsperspektive oder wenigstens eine Generationen-Perspektive, viel mehr als wir heute, wo das Individuum im Fokus steht. Doch auch in diesem Rahmen: Psalm 90 und den Bericht von Salomo über die Feinde seines Vaters und über seinen eigenen Frieden – all das nehme ich als Anlass, meine eigene Kühnheit im Gebet zu trainieren. Und mit Gott auch in Form von Wenn-schon-denn-schon-Gebeten zu sprechen.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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