Wie hoch setzen wir unsere Erwartungen?

Wenn wir Gott um etwas bitten, sind wir zumindest hoffnungsvoll, dass wir etwas von ihm bekommen. Oft ist es mehr als eine Hoffnung – wir erwarten etwas. Und das ist auch gut so, das ist Teil eines glaubensvollen Gebetes.

Wie hoch aber setzen wir unsere Erwartungen? Daran bemisst sich ja – teilweise – auch, wie viel wir Gott zutrauen, was für einen Glauben wir also haben. Es gibt verschiedene Maßstäbe für meine Gebetserwartungen. Ich nenne einige und schreibe dann von einem, der mich besonders ermutigt.

Der Maßstab meiner Enttäuschungen

Naheliegend und menschlich verständlich ist der Maßstab: Ich bete (nur?) so viel, dass ich keine Gefahr laufe, enttäuscht zu werden. Meine bisherigen Enttäuschungen sind also die Messlatte. Es scheint sicherer, nicht darüber hinauszugehen. Natürlich werde ich hier nur sehr selten besondere Erfahrungen mit Gott und meinem Gebet machen. Ich habe ja ziemlich zurückgesteckt.

Der Maßstab meiner Bedürfnisse

Auch dies ist ein naheliegendes Maß: Ich spüre einen Bedarf und bitte Gott, diesen Bedarf auszufüllen. Gegen diesen Maßstab ist nichts einzuwenden: „Unser täglich Brot gib uns heute“, lehrt Jesus zu beten. Allerdings gibt es eine Begleiterscheinung, wenn meine Bedürfnisse der einzige Maßstab sind: Ich bete meist um das, was ich meine, dringend zu brauchen. Ob es tatsächlich die Sache ist, die mir hilft, die mich weiterbringt oder mir Freiraum verschafft, ist noch nicht gesagt. Ich bleibe ziemlich bei mir selbst und bewege mich im Rahmen meiner eigenen Vorstellungsmöglichkeiten. Gott aber sieht oft viel besser, was ich eigentlich nötig habe. Und vielleicht hat Gott ja weit mehr auf dem Herzen als es meinem Bedürfnis entspricht?

Der Maßstab meines Glaubens

„Dir soll das passieren, was du geglaubt hast“, sagte Jesus mehrfach. Und wo man keinen Glauben hatte, konnte er oft nichts tun. Mein Gebet richtet sich oft von allein nach dem Maßstab meines Glaubens. Mehr, als ich glauben kann, wage ich auch oft nicht zu erbitten. Allerdings macht mir persönlich dieser Maßstab nicht besonders viel Mut. Denn ich kenne mein wackeliges Herz und meinen schwankenden Glauben. Ich weiß um meine Skepsis. Wenn Gott mir immer nur so viel gibt, wie ich zuvor glauben konnte, dann ist auch hier meine Gebetswirkung limitiert. Und das verstärkt meine Zweifel eher noch, weil ich mir oft nicht sicher bin, ob ich „genug“ glaube.

Wenn Gott mir immer nur so viel gibt, wie ich zuvor glauben konnte, dann ist meine Gebetswirkung limitiert.

Beim Bibellesen habe ich im Epheserbrief einen weiteren Maßstab entdeckt, und der macht mir richtig Mut:

Der Maßstab von Gottes Kraft

Paulus hat an die Epheser geschrieben: „Er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden …  Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Herrlichkeit …“ (Epheser 3,16.20).

Zwei Maßstäbe dafür, wie viel Gott auf das Gebet hin gibt, sind genannt:

  • das Maß des Reichtums von Gottes Herrlichkeit,
  • das Maß von Gottes Kraft.

Beide Messlatten liegen außerhalb von mir. Sie sind in Gott verankert. Gott kann und möge geben entsprechend der Fülle seiner Kraft. Und dementsprechend, wie reich er an Herrlichkeit ist. Das sind zwei Maßstäbe, deren Skala nach oben offen ist.

Das sind zwei Maßstäbe, deren Skala nach oben offen ist.

Manchmal höre ich, wenn ich Gott um etwas bitte, meinen Zweifel. Er flüstert mir ein: Sollte Gott dir dies jetzt auch noch geben wollen? Geht es dir denn nicht eh schon viel besser als den meisten Menschen auf diesem Globus? Und hast du wirklich die Erwartung, dass Gott dies geben will? Glaubst du ganz feste dran, mit aller Konzentration? Aber dann setze ich dieser zweifelnden Flüsterstimme etwas entgegen: Mag sein, dass Gott mir schon ziemlich viel gab. Mag sein, dass andere Gottes Hilfe viel dringender brauchen. Und das sich selbst vielleicht etwas anderes nötiger habe als die Sache, um die ich bete. Aber – egal. Ich bete nach dem Maßstab seiner Kraft. Die ist unerschöpflich. Er wird bestimmt noch etwas für mich übrighaben. Mir hilft es, mir aus seinem eigenen Wort diesen Maßstab geben zu lassen und dann unbefangen mein Bittgebet auszusprechen.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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