Schmerzen sind seit Längerem ein wiederkehrender Teil meines Lebens. In den letzten Monaten melden sie sich sogar etwas häufiger zu Wort. So gibt es Tage, an denen nicht mehr viel geht: kein Schreibtisch, keine Mails oder Telefonate, nichts, was Konzentration erfordert. Reizbar bin ich dann auch oft. Wenn die Medizin nicht hilft, nützen manchmal ein paar Stunden Schlaf. Der macht es hinterher oft nicht besser, aber ich habe in der Zeit die Schmerzen nicht so sehr gespürt.
Wie alle anderen Bereiche meines Lebens, kommt auch dieser in meinem Gebet vor. Ich bitte Gott, dass er die Schmerzthematik auf lange Sicht ganz abräumt. Und an einzelnen Schmerztagen bete ich um Linderung und dass sich der Schmerz vielleicht schon ab mittags verzieht und nicht erst am Abend.
Die mutige Bitte einer Frau
Vor wenigen Wochen kam mir ein besonderes Gebet in den Sinn. Zwischen Nacht und frühem Morgen spürte ich den Zugriff des Schmerzes und ich betete das, was eine Frau aus der Bibel einmal zu ihrem Vater gesagt hatte.
Mit dieser Begebenheit aus dem Josuabuch hatte ich mich vor längerer Zeit beschäftigt, und mich hat beeindruckt, wie diese Frau – Achsa ist ihr Name – mit ihrem Vater sprach. Die Leute waren gerade dabei, das Land zu besiedeln, und die Regionen wurden unter die einzelnen Stämme aufgeteilt. Bei so einer Gelegenheit sagte Achsa zu ihrem Vater:
„Gib mir einen Segen! Wenn du mich schon ins Trockenland geschickt hast, dann gib mir auch Wasserstellen!“ (Josua 15,19).
Das war ein Dialog zwischen zwei Menschen; Achsa hat kein Gebet gesprochen. Aber für mich war das, als ich diese Episode entdeckte, eine Anregung für mein Beten: Wenn Gott schon dies oder jenes zumutet, dann möge er doch bitte auch einen anderen kräftigen Segen dazugeben. Wenn schon, denn schon!
Wenn Gott schon dies oder jenes zumutet, dann möge er doch bitte auch einen anderen kräftigen Segen dazugeben. Wenn schon, denn schon!
Diese Achsa-Bitte kam mir an dem Morgen voller Schmerzen in den Sinn und ich machte sie zu meinem Gebet. Ich gebrauchte (in Gedanken) die Worte „Trockenland“ und „Wasserstellen“, meinte aber sinngemäß „Schmerzen“ und … ja, was denn? Irgendetwas Gutes, das mir den Tag erträglich machen könnte.
Antwort aus dem Bibellese-Buch
Etwas später nach dem Frühstück ging ich einer meiner Gewohnheiten nach, die an diesem Tag trotz Schmerzen noch funktionierte; ich las zwei Bibelworte aus dem Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine (dieses traditionsreiche und überkonfessionell-international verbreitete Büchlein mit täglichen Bibelversen). Mit Erstaunen und einem kleinen Glücksgefühl las ich eins dieser beiden Bibelworte:
„Der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre“ (Jesaja 58,11).
Diese Bibelworte werden immer schon Jahre zuvor festgelegt und den betreffenden Tagen zugeordnet. Niemand konnte ahnen, was ich an diesem Tag einige Stunden vorher in meinem Herzen gebetet hatte. Und doch klang dieses Wort wie eine Antwort. Ich fühlte mich wie im „Trockenland“ und bekam gesagt, dass ich in der Dürre gesättigt werden würde.
Aus irgendeinem Grund wollte ich diesem Bibelwort noch genauer nachgehen und blätterte es in der Bibel auf, sodass der Zusammenhang deutlicher würde. (Bei uns zuhause liegen quasi in jedem Zimmer Bibeln rum, ist so eine Marotte von mir.) Ich entdeckte, dass der Satz im Original noch weiter ging: „Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder.“ Diese Fortsetzung passte noch deutlicher in meinen Tag hinein. Meine Gliedmaßen waren ziemlich beeinträchtigt. Die Schmerzen machten sich im ganzen Körper breit. Da war es eine höchst willkommene Aussicht, dass Gottes Segen sich nicht nur in Seele und Gemüt auswirken wollte, sondern auch körperlich.
Es ändert sich nichts
Und wie ging es dann weiter an diesem Tag? War das morgendliche Gebet und die Begegnung mit dem Bibelwort der Anfang vom Ende der Schmerzen? Das wäre eine schöne Happy-End-Geschichte geworden. So kam es aber nicht. Die Schmerzen hielten sich den ganzen Tag. Phasenweise fiel es schwer, eine Körperhaltung zu finden, die aushaltbar war. Anders als sonst war es auch am nächsten Tag nur wenig besser. Meine Konzentration war so flüchtig, dass ich nur ab und zu an das dachte, was ich diesen Morgen gebetet und gelesen hatte.
Das eigentümliche Gefühl entstand: Du hast etwas erlebt, das du dir nicht eingeredet hast. Die Kombi von Gebet und Bibelwort war unbestreitbar etwas Besonderes, wie nicht ganz von dieser Welt. Und andererseits hat das so gut wie keine Auswirkungen auf das körperliche Befinden. Zwei Linien (die eine schmal, die andere sehr kräftig) laufen an diesem Tag unverbunden nebeneinander. Erst am übernächsten Tag ging es mir wieder gut. Ich merkte: „Er stärkt deine Glieder“, ja, das ist jetzt endlich auch im Erleben angekommen. Und es ist ja nicht schlecht, wenn so etwas passiert, wenn auch eher später als früher.
Es gab noch etwas Zweites
Was aber blieb mir für den ersten Tag übrig, den Tag der starken Schmerzen?
Wie gesagt, kein Happy End. Keine Gebetserhörung. Keine himmlische Hilfe für mein „Trockenland“. Eher eine Diskrepanz: Was soll dieser erfreuliche Zuspruch, wenn sich doch nichts ändert? Letztlich aber war es dann genau dies, was blieb: diese zweite dünne Linie im Tag, neben der dicken Linie der Schmerzen. Gott schien etwas gesagt zu haben, das sich nicht (noch nicht) verwirklichte, aber immerhin: Er hatte etwas gesagt. Er hat etwas in den Tag hineingesprochen. Er hat sich in diesen Tag hineingewoben – auch wenn das im Kontext der körperlichen Beschwerden kein schlüssiges Muster ergab. Es blieb der Eindruck: Die Schmerzen sind nicht die einzige Realität heute. Es gibt noch etwas Zweites.
Er hat sich in diesen Tag hineingewoben – auch wenn das im Kontext der körperlichen Beschwerden kein schlüssiges Muster ergab.
In der Rückschau nach drei Tagen könnte man sagen: Siehst du, das vielversprechende Wort der Bibel hat sich doch dann erfüllt! Irgendwann haben die Schmerzen dich verlassen. Ja, schon. Aber ich bin abgeneigt, mir die Dinge nachträglich schönzureden. Ich möchte schon ernstnehmen, dass es an diesem ersten Tag eben nicht glatt aufging. Eins aber erkenne ich an:
Es war gut, dass Gott sich zu Wort gemeldet hat. Was er sagte, hat mich nicht viel weitergebracht, es stand in Diskrepanz zu meinem Ergehen. Aber dass er etwas sagte, das war dann doch auch eine Tatsache in diesem Tag. Es gab noch etwas Zweites. Vielleicht ist das nicht wenig.