sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Beten, schweigen, schauen, handeln

Um für unser Beten dazuzulernen, dafür helfen uns Vorbilder: Menschen des Gebets, die uns inspirieren. Auch in der Bibel bieten sich viele solcher Menschen als Vorbilder an. Nicht alle aber haben ein beeindruckendes Auftreten und nicht alle rufen durch glaubensvolle Bitten spektakuläre Reaktionen Gottes hervor. Es gibt auch stillere Beter, von denen wir aber durchaus viel lernen können.

Leitender Angestellter in heikler Mission

Einer von den Betern, die eher im Hintergrund stehen, ist Eliëser. Eliëser ist eine Art leitender Angestellter von Abraham – der Verwalter seiner Besitztümer. Er muss eine so starke Vertrauensstellung gehabt haben, dass Abraham ihn als bevollmächtigten Gesandten für eine sehr persönliche Familienangelegenheit losschickt: Er soll unter den Stammesverwandten eine passende Frau für Abrahams Sohn Isaak finden.

Eliëser macht sich auf die Reise und hat auch eine Idee, wie er eine Frau identifizieren könnte, die von Gott erwählt ist. Wesentlich aber scheint ihm, diesen Plan vor Gott im Gebet auszubreiten (1. Mose 24,12-14). Beten ist die Voraussetzung für das Gelingen seiner Mission. So weit ist alles im Rahmen dessen, was man von einem vorbildlichen Beter erwarten würde. Doch wie Eliëser dann weiter verfährt, ist überraschend.

Am Zielort angekommen, taucht sogleich eine sehr schöne unverheiratete Frau auf, und was sie tut, entspricht genau den Erkennungszeichen, die Eliëser im Gebet mit Gott besprochen hat. Der Ablauf scheint wie der Deckel auf den Topf zu passen. Gebetet – erfüllt. Alle Signale scheinen auf grün zu stehen.

Beobachten statt loslegen

Aber Eliëser reagiert bemerkenswert:

„Abrahams Verwalter stand schweigend dabei und schaute ihr zu, um zu erkennen, ob der Herr seine Reise gelingen lassen würde.“ (1. Mose 24,21)

Die Rechnung ist für ihn offenbar noch nicht glatt aufgegangen. Statt zu jubeln oder die Frau dezent anzusprechen, schweigt Eliëser und beobachtet. Erst als sich die Dinge noch ein wenig weiterentwickelt haben und das Bild für Eliëser noch klarer wird, fällt er auf die Knie und dankt Gott (1. Mose 24,26-27). Und danach – als er feierlich als Gast aufgenommen worden ist – trägt er sein Anliegen vor, um den Auftrag zu erfüllen.

Wir entdecken also diese Reihenfolge:

Beten – schweigen – beobachten – beten – handeln

Wir entdecken diese Reihenfolge: beten – schweigen – beobachten – beten – handeln

Innehalten, auf verschiedene Weise

Das Gebet ist eingewoben in den Handlungsstrang. Genauso eingewoben sind aber das Innehalten, das Schweigen, das Abwarten, das ruhige Hinschauen. Es passiert durchaus viel in dieser Geschichte. Die Handlung tritt nicht auf der Stelle. Auch Eliëser agiert zielgerichtet – er weiß, wozu er gekommen ist. Da ist nichts von Zögerlichkeit oder Passivität. Dennoch nimmt Eliëser sich Zeit zum Beten und zum Schweigen.

Bemerkenswert dabei finde ich: Das Gebet allein bildet nicht den einzigen Moment des Innehaltens. Weitere „Moment mal“-Faktoren kommen hinzu, nämlich eben das Schweigen und Beobachten. Beten heißt: langsam werden, Stille suchen. Aber Beten ist nicht die einzige Möglichkeit, um langsam zu werden und Stille zu suchen. Wer gebetet hat, muss noch nicht fertig sein mit Warten. Die Kunst des Betens scheint auch darin zu bestehen, all diese Elemente untereinander in Feinabstimmung zu bringen: beten – schweigen – beobachten – beten – handeln.

Wer gebetet hat, muss noch nicht fertig sein mit Warten.

Raum zur Freiheit lassen

Und noch eine Beobachtung an Eliëser: Er hat in seine Pläne eine Sollbruchstelle eingebaut – eine Art Lücke, die Raum für die Freiheit aller Beteiligten lässt. Schon zu Beginn seiner Mission hat er die Möglichkeit einkalkuliert, dass die von ihm gefundene erwählte Frau vielleicht gar nicht mitkommen will dorthin, wo Isaak wohnt (ihr Bräutigam in spe, den sie noch gar nicht kennt). Und als Eliëser mit der Familie der Frau redet, erzählt er genau von dieser Möglichkeit: Was ist, wenn die Frau nicht mitkommen will? Diese Option spricht er laut vor allen aus (1. Mose 24,39-41). Sollte die Frau, über die hier anscheinend beschlossen wird, nur den Hauch eines Zweifels haben, ob sie diesem Weg denn auch mitgehen will – Eliëser hat ihr eine Steilvorlage geliefert, um auszusteigen. Er hat eine Sollbruchstelle der Freiheit geschaffen.

Auch wenn die Frau diesen „Notausgang“ nicht benutzt, auch wenn alle einverstanden sind mit den Plänen, in denen sie Gottes Handschrift erkennen – fürs Beten lässt sich eine Lektion ableiten. Nämlich: Auch wenn du intensiv für etwas gebetet hast, auch wenn du ausreichend gewartet hast, auch wenn du alle Einzelheiten der Lage wirklich in den Blick genommen hast und wenn Gott all das als seinen Plan bestätigt hat – setz diese Pläne nicht selbst durch! Glaubensvolles Gebet, das zu einer inneren Gewissheit führt, berechtigt noch nicht dazu, diese Gewissheit auch anderen abzuverlangen. Der stärkste Beter hat nicht das Recht, die von Gott erbetenen und empfangenen Wege mit Druck durchzusetzen.

Der stärkste Beter hat nicht das Recht, die von Gott erbetenen und empfangenen Wege mit Druck durchzusetzen.

Auch diese Beobachtung unterstreicht, wie sehr das Innehalten zum Gebet dazugehört. Es gibt mehr als Beten, Glauben und Empfangen. Es gibt die Weisheit der Eliëser-Abfolge, die dieses Muster bildet: beten – schweigen – beobachten – beten – handeln.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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