Wie viele Predigten wurden schon gehalten und wie viele Artikel und Bücher geschrieben mit der Aufforderung: Bete konkret! Sei mutig und sag Gott exakt, was du brauchst! Hat nicht Jesus den Blinden gefragt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ (Markus 10,51). Ist das nicht ein Muster auch für uns – dass Jesus uns fragt, was er für uns tun soll, und dass wir eingeladen sind, es ihm mutig und konkret zu sagen?
Ohne Zweifel, diese Frage von Jesus hat vielen Beterinnen und Betern Mut gemacht, ihr Anliegen zu Jesus zu bringen. Aber ist die konkret-detaillierte Bitte das Gebet, das Jesus am liebsten hört? Haben wir hier die aussichtsreichste Art zu beten vor uns?
Unspezifischer Ruf
Ich habe eine andere Bitte an Jesus in der Bibel gefunden. Sie macht mich nachdenklich und ich möchte die Aufmerksamkeit auf sie richten. Es ist die Bitte:
„Rabbi, ich bitte dich, sieh nach meinem Sohn!“ (Lukas 9,38)
Der verzweifelte Ruf eines Vaters. Eine Bitte, die nicht sofort auf ein Ergebnis zielt. Eine Bitte, die nicht im Einzelnen benennt, was Jesus denn jetzt tun soll. Es ist ein unspezifischer Ruf: Sieh nach meinem Sohn!
Was ist da gerade los? Der Sohn, um den es geht, leidet an schwersten traumatisierenden Anfällen. Eine böse Macht packt ihn und reißt ihn hin und her. Genauso schwer getroffen ist der Vater, der hilflos zusehen muss. Er erhoffte sich von Jesus Hilfe. Der war aber gerade nicht da, nur ein paar seiner Jünger waren erreichbar. Sie sollten den bösen Geist austreiben, so die Bitte des Vaters. Damit ist er eigentlich schon an der richtigen Adresse. Die Jünger sind bereits dazu autorisiert, Kranke zu heilen (Lukas 9,2). Doch jetzt scheitern sie an der Aufgabe. Ein großer Tumult ist entstanden. Endlich kommt Jesus dazu. Die Not ist für alle sichtbar. Was passieren müsste, liegt auf der Hand. Der Vater hatte den Jüngern bereits klar gesagt, was sie bitte hätten tun sollen.
Aber jetzt, Jesus gegenüber, spricht der Vater keine konkrete Bitte aus, sondern sagt nur: „Bitte sieh nach meinem Sohn.“ Wenig konkret. Unspezifisch. Zurückhaltend fast.
Zugegeben: Gleich im Anschluss wird der Vater deutlicher. Er erzählt, was passiert ist (jahrelange dämonische Anfälle) und was nicht passiert ist (Befreiung durch die Jünger). Er informiert Jesus auch, dass es sein einziges Kind ist – es geht um alles. Doch dann endet der Vater mit den Worten „aber sie konnten es nicht“, gemünzt auf die Jünger. Keine weitere Bitte. Kein Vertrauensbekenntnis („aber du kannst es doch bestimmt!“).
Für mich ergeben sich daraus zwei Folgerungen:
Mein Gebet muss nicht immer konkret sein
Ein Gebet darf auch mal unkonkret sein. Unspezifisch. Was jetzt helfen würde und was Gott jetzt tun könnte, das darf einem auch mal aus dem Blick geraten. Das Ziel darf unscharf vor Augen stehen. Vielleicht war der Vater so schockiert vom Misserfolg der Jünger, dass er nur noch stammelnd die Lage beschreiben konnte und vorher bitten konnte: Sieh dir das an. Sieh nach meinem Kind. Kümmere dich bitte jetzt (egal wie).
Ich weiß – die beiden anderen Evangelien, die von dieser Szene berichten, schildern es anders. Bei Markus fehlt die Bitte „Sieh nach meinem Sohn!“ und bei Matthäus klingt es konkreter: „Erbarme dich über meinen Sohn!“. Wir müssen diese Detailunterschiede nicht harmonisieren. Ich möchte Lukas hier innerhalb der Heiligen Schrift als Zeugen dafür ernst nehmen, dass der Vater einfach bat, Jesus möge nach seinem Kind schauen. Und ich möchte mir von Lukas sagen lassen, dass so eine Bitte möglich ist und von Jesus erhört wird. Glaube bemisst sich nicht immer an konkreten Zielen und kühnen Worten. Glaube ist auch schon da, wo es bei jemandem um alles geht und wo er nach einer Geschichte der Enttäuschung dennoch zu Jesus kommt, weil ihm nichts anderes bleibt.
Glaube ist auch schon da, wo es bei jemandem um alles geht und wo er nach einer Geschichte der Enttäuschung dennoch zu Jesus kommt, weil ihm nichts anderes bleibt.
Dr. Ulrich Wendel
In den Blick von Jesus geraten
Die Bitte des Vaters hat sogar eine besondere Dimension, die in anderen Formulierungen so nicht enthalten wäre. Wenn ich Jesus konkret sage, was er für mich tun soll, wenn ich Gott gegenüber ausformuliere, was meine Erwartungen sind – dann beschäftige ich mich mit einer Sache: mit dem, was mir fehlt; mit dem, was ich brauche (oder zu brauchen meine). Dagegen hat die Bitte „Sieh nach meinem Sohn!“ oder auch „Bitte schau nach mir!“ einen anderen Gehalt. Hier geht es nicht um eine Sache, sondern um die Beziehung von Jesus zu mir bzw. dem Menschen, für den ich bete. Ich möchte nichts von Gott in die Hand bekommen, ich möchte, dass ich in Gottes Blick gerate. Und sobald er nach mir sieht, wird sich alles andere regeln. Aber bevor es sich regelt, wurde ich gesehen. Diese Wirklichkeit klingt in der Bitte des Vaters an. Man sollte einzelne Gebete nicht bewerten. Aber die Bitte, die mich in den Blick von Jesus rückt, scheint mir eine besondere Tiefe zu haben gegenüber einer Bitte, die nur nach einer Sache fragt.
Die Bitte, die mich in den Blick von Jesus rückt, scheint mir eine besondere Tiefe zu haben gegenüber einer Bitte, die nur nach einer Sache fragt.
Dr. Ulrich Wendel
Ich werde ohne jeden Zweifel noch oft in eine Situation kommen, wo ich atemlos bin. Verwirrt und enttäuscht. Voller Schmerz darüber, dass es mir oder jemandem, der mir nahesteht, schlecht geht. Ich werde nicht wissen, wo mir der Kopf steht. Was für eine gute Nachricht, dass es dann genügt, mit letzter Kraft zu beten: „Jesus, ich bitte dich, sieh nach mir!“