Herzlich willkommen zu dieser neuen Kolumne über das Beten! Ich freue mich sehr darüber, auf diesem Blog-Portal mit dir über dieses Thema im Gespräch sein zu dürfen, dem so viele Christen doch etwas ambivalent gegenüberstehen. Zu beten ist einerseits „logisch“ für uns Christen, andererseits treffe ich auf viele, denen das Beten schwerfällt. Ihre persönlichen Gebetszeiten empfinden sie als langweilig und das Gebet im Hauskreis ist auch nicht besonders prickelnd: Immer wieder beten dieselben, manche verkünden unter dem Deckmantel eines Gebets eher ihre theologischen Überzeugungen und dann gibt es noch die Momente peinlicher Stille, wenn in einer Gebetsrunde niemand beten will und sich schließlich der Hauskreisleiter erbarmen muss …
Meine Gebets-Reise
Ich kenne die Herausforderungen des Betens, sowohl im persönlichen Bereich als auch im Kontext von Gruppen. Viele Jahre habe ich selbst Hauskreise geleitet und anschließend Hauskreisleiter betreut. Und natürlich habe ich meine eigene Geschichte mit dem Beten. Ich wurde schließlich nicht als Gebetshausgründer geboren, sondern musste erst viel über das Beten lernen und entdecken, bevor es zu dem wurde, was es heute für mich ist. In dieser Kolumne möchte ich dich auf eine Reise ins Gebet mitnehmen. Dabei soll dich jede Etappe ein wenig mehr in die Freude und die Tiefe des gemeinsamen Betens hineinführen. Ich möchte Herausforderungen anschauen, Tipps geben und ermutigen, das gemeinsame Gebet vielleicht ganz neu zu entdecken. Dabei wird nicht allein das persönliche Gebet in Fokus stehen, sondern vor allem das Beten in der Kleingruppe bzw. im Hauskreis.
Beginnen möchte ich – du ahnst es – mit einem Gebet.
„Vater, ich bete, dass du uns im Laufe der kommenden Monate durch deinen Geist inspirierst und unser Beten im Hauskreis zu einem gemeinsamen Akt der Liebe machst. Führe uns tiefer in das Mysterium der Kommunikation zwischen unserer Endlichkeit und deiner Unendlichkeit, zwischen Menschen und Gott. Belebe unser Gebet im Hauskreis ganz neu. Amen.“
Persönlicher Neuanfang
Wenn du schon älter als dreißig bist, hast du wahrscheinlich von dem Ende der Neunziger Jahre mit großer Spannung erwarteten „Year 2000 bug“ gehört. Man befürchtete damals, dass die Jahreszählung bei vielen Computersystem beim Wechsel ins neue Millennium kollabieren würde, weil diese zwar mit zweistelligen, aber nicht mit vierstelligen Zahlen umgehen konnten. Für mich persönlich war das Jahr 2000 ebenfalls ein Neuanfang, denn um diese Zeit begann für mich die Neuentdeckung des Gebets. In den davor liegenden Jahren war „Gebet“ eher ein schwieriges Thema.
Wenn in meiner Gemeinde zu einem Gebetsabend aufgerufen wurde, kam ich regelmäßig in die Klemme: Ich gehörte nämlich zu den Leitern und hatte dadurch eine Vorbildfunktion, aber ich wollte trotzdem nicht hingehen. Ich wusste, wie anstrengend die Zeit für mich werden würde. Also suchte ich nach einer Ausrede – und wurde regelmäßig fündig.
Trotz meiner Vorbildfunktion wollte ich nicht zum Gebetsabend hingehen. Also suchte ich nach einer Ausrede – und wurde regelmäßig fündig.
Rainer Harter
Damals war Gebet für mich eher eine Art Verpflichtung und darüber hinaus hatte es hauptsächlich einen funktionalen Charakter. So geht es vielen Christen.
Bei mir änderte sich der Zugang zum Gebet erst 1999, als ich mich für ein Jahr aus den meisten der zahlreichen Verantwortlichkeiten in der Gemeinde verabschiedet hatte, um mehr Zeit für die persönliche Beziehung zu Gott zu haben. Als jungem Familienvater mit einem Karrierejob blieb dafür sonst kaum Spielraum.
Hatte Gott seine Brille verlegt?
Völlig unerwartet sprach Gott am Ende dieses Jahres in mein Herz hinein: Ich solle ein überkonfessionelles Gebetshaus gründen. Ich? Damals hätte man auf den Gedanken kommen können, dass Gott an dem betreffenden Tag seine Brille verlegt hat. Zu der Zeit gab es in Deutschland keine Gebetshäuser, wie wir sie heute kennen, deshalb musste ich mich selbst auf dem Weg machen, um herauszufinden, was es denn mit dem Beten auf sich hat und wie ein Gebetshaus aussehen könnte.
Das erste Jahr des neuen Milleniums begab ich mich auf eine regelrechte Forschungsreise durch die Bibel und die zweitausendjährige Kirchengeschichte und wurde bald fündig. Ich lernte das Staunen und erkannte, dass Beten viel ist mehr als das, was ich aus meiner Kirche kannte, ja sogar mehr als die Summe der unterschiedlichen Gebetstraditionen zusammen!
Beten als Liebes-Reaktion
Stück um Stück wurde mir klar, dass es beim Beten weniger um eine bestimmte Form oder um besonders fromme Worte geht, sondern immer die Interaktion mit einer Person im Vordergrund steht. Der Durchbruch erfolgte, als ich erkannte, dass es sich beim Beten letztlich um eine „Liebesreaktion“ handelt: Heute kann ich nicht anders, als mit dem ins Gespräch zu kommen, der mich so sehr liebt. Ich will unbedingt mit meinen Handlungen, aber eben auch mit meinen Gebeten darauf antworten. Mit meiner Fürbitte wiederum möchte ich auf seine Liebe zu den Menschen reagieren. Auf den Punkt gebracht lautet mein Verständnis über Gebet heute folgendermaßen: Beten = Lieben.
Auf den Punkt gebracht lautet mein Verständnis über Gebet heute folgendermaßen: Beten = Lieben.
Rainer Harter
Diese Sichtweise macht einen gewaltigen Unterschied.
Von dieser Grundlage aus zu beten ist nicht kompliziert. Wenn das Gebet einem Herzen entspringt, das fasziniert und erfüllt von der Liebe Gottes ist, bricht es sich wie von selbst Bahn. Nicht umsonst stehen in Lukas 6,45 die folgende Worte Jesu: „aus der Fülle des Herzens redet der Mund“.
Den Start gewagt
Im Jahr 2001 habe ich dann mit Freunden zusammen tatsächlich den Vorläufer des heutigen Gebetshauses Freiburg gegründet. Von Beginn an stand das gemeinschaftliche Beten im Vordergrund und von Anfang an waren wir ökumenisch aufgestellt. Das brachte einen unglaublichen Reichtum in unsere Gebetszeiten, den die Christen aus den verschiedenen Traditionen mitbrachten. Bis heute lernen wir voneinander und inspirieren uns gegenseitig.
2011 habe ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere in einem Forschungsinstitut dort gekündigt, um vollzeitlich im Gebetshaus zu arbeiten. Es war zu dem Zeitpunkt so stark gewachsen, dass ich meine Aufgaben dort nicht mehr ehrenamtlich ausfüllen konnte. Mein Alltag heute ist von Gebet durchdrungen. Meist bete ich mehrere Stunden am Tag – in ganz unterschiedlichen Formaten und mit vielen verschiedenen Menschen. Das Gebetshaus ist auf mittlerweile 150 Mitarbeiter gewachsen und eine feste Größe in unserer Stadt und darüber hinaus geworden. Glücklicherweise wird das Gebet in meinem Umfeld nicht als religiöser Zwang verstanden und auch nicht als endloses Reden gegen die Wand oder eine Wiederholung der immer gleichen Klagen. Das könnte ich nicht ertragen. Wir erleben Gebet gemeinsam als spannend, leidenschaftlich, interaktiv und beflügelnd. Das geht, weil im Vordergrund die spezielle Motivation für das Beten steht, die wir uns zu eigen gemacht haben: Wir beten, weil wir lieben.