sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Harfe und Schalen

Gemeinsam ein Gebet singen, bei dem der genaue Text und die Melodie im Voraus noch gar nicht feststehen, geht das? Ja, erfahrungsgemäß geht das! Und zwar in einer Gebetsform, die wir im Gebetshaus sehr häufig verwenden und bei der es eher nicht so ruhig zugeht. Uns macht sie richtig viel Freude, weil sie besonders für das gemeinsame Beten geeignet ist. Zudem finden in ihr alle Teilnehmer einer Gruppe einen aktiven Platz – auch diejenigen, die nicht gerne singen oder Schwierigkeiten mit Intonation oder Takt haben.

Anbetung und Fürbitte

Dieses Modell ist bekannt unter dem Namen „Harp & Bowl“. Die Bezeichnung leitet sich bildlich von den Harfen und den Schalen voller Gebete ab, die im Buch der Offenbarung, Kapitel 5, Vers 8 erwähnt werden: „Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen.“

In diesem prophetischen Blick in Gottes Welt finden wir eine Kombination von Musik – für die die Harfen stehen – und Gebet.  Auf der Grundlage dieses Abschnittes entstand der Name „Harp & Bowl“. Mir geht es hier um die praktische Verbindung und den Segen, den das „Harp & Bowl“-Modell, also die Kombination von Musik und Gebet, freisetzt. An sich ist diese Form des Betens gar nicht neu, denn bereits im vierten Jahrhundert n. Chr. gab es den bis heute erhalten gebliebenen Ambrosianischen Gesang, der sogenannte Antiphonen – also Wechselgesänge –enthielt. Ganz ähnlich funktioniert das „Harp & Bowl“-Modell. Es gibt darin verschiedene Rollen, die von unterschiedlichen Personen besetzt werden, die im Wechsel das gesungene Gebet gestalten. Die Stärke des Modells liegt in seiner Verbindungskraft. Auf der geistlichen Ebene verbindet es Anbetung und Fürbitte miteinander, auf der menschlichen Ebene führt es Menschen mit unterschiedlichen Begabungen zu einem interagierenden, sich ergänzenden Gebetsteam zusammen. Im Kontext eines Gebetshauses hat die fruchtbare Verbindung von Anbetung und Fürbitte zur Folge, dass intensive Fürbitte über eine lange Zeit hinweg getan werden kann, ohne die Beter auszulaugen.

Das Modell führt Menschen mit unterschiedlichen Begabungen zu einem interagierenden, sich ergänzenden Gebetsteam zusammen

Die vier Teile von „Harp & Bowl“

Hier in Kurzform eine Erklärung, die veranschaulichen soll, wie das „Harp & Bowl“-Gebet gestaltet wird. Es gibt vier Hauptbestandteile.

Zu Beginn und gegen Ende der Gebetszeit werden bekannte Lobpreis- und Anbetungslieder gesungen, um am Anfang den Fokus der Teilnehmer klar auf Gott auszurichten und ihn am Ende der Gebetszeit noch einmal anzubeten.

Nach der einführenden Anbetungszeit treten die oben erwähnten Rollen in Erscheinung: Es gibt neben dem Lobpreisleiter noch einen Gebetsleiter, einige Sänger und weitere Musiker.

Teil 1

Der Lobpreisleiter leitet die Zeit des singenden Betens damit ein, dass er eine einfache Akkordfolge wiederholt, welche die Melodiegrundlage für den Gesang bildet. Das sollte er nur so laut tun, dass man den nun in Aktion tretenden Gebetsleiter im Raum gut hören kann. Dieser leitet nun in die musikalische Gebetszeit mit Worten ein wie: „Lasst uns heute gemeinsam Psalm 27, Vers 4 singen. Dort sagt David: ‚Eins habe ich vom Herrn erbeten, danach trachte ich: zu wohnen im Haus des Herrn alle Tage meines Lebens, um anzuschauen die Freundlichkeit des Herrn und nachzudenken in seinem Tempel.‘ Diese Verse wollen wir jetzt verwenden, um Gott unsere eigene Sehnsucht nach seiner Gegenwart zu zeigen. Lasst uns zu der Akkordfolge, die gerade gespielt wird, versuchen, alle gleichzeitig und für zwei Minuten diesen Vers zu singen – jeder in seiner eigenen Geschwindigkeit und zu seiner eigenen Melodie.“

Das wäre Teil 1: alle singen gemeinsam dieses Psalmwort.

Teil 2

Nun treten die vorher bestimmten Sänger treten in Aktion. Normalerweise gibt es drei Sängerrollen, aber es funktioniert auch gut mit nur zweien. Die wichtigste Sängerrolle nennen wir im Gebetshaus „Sänger 1“. Dieser Sänger oder diese Sängerin hat nämlich eine besondere Aufgabe: Er oder sie bildet zu der weiterhin gespielten Akkordfolge einen einfachen Refrain, basierend auf den Worten des Psalms. Es muss nicht wörtlich zitiert werden, eine Umschreibung mit eigenen Worten ist ebenfalls super. In unserem Beispiel könnte – nachdem das gemeinsame Singen des Verses abgeklungen ist – der Sänger 1 folgendes singen: „Herr, ich sehne mich nach dir, denn alles bist du mir“. Weil die Rollen vorher besprochen wurden, wissen nun alle: „Jetzt singen wir gemeinsam diesen Refrain!“ Der Refrain wird mindestens viermal wiederholt – oder so lange, bis ihn alle gut auswendig mitsingen können. Die Musiker unterstützen den Refrain, indem sie lauter spielen oder indem mehr Instrumente zum Einsatz kommen – aber natürlich klappt das Ganze auch mit einer einzigen Gitarre.

Teil 3

Nachdem der Refrain beendet wurde, setzt der Gebetsleiter einen neuen Schwerpunkt – während die Akkordfolge weiter gespielt wird. Er könnte betend sagen: „Herr, David trachtete danach, dir nah zu sein. Wir wollen heute auch darum beten, dass wir zu Menschen werden, die deine Nähe allezeit suchen. Bitte zieh uns in deine Gegenwart.“

Teil 4

Nun greift – bevor die anderen Sänger ins Spiel kommen – wieder Sänger 1 den Faden auf und singt das vom Gebetsleiter vorgegeben Gebet: „Herr, zieh uns in deine Gegenwart“. Auch hier kann er frei formulieren, solange er beim Thema bleibt. Hat Sänger 1 sein Gebet gesungen, greift Sänger 2 das Gebet singend auf und vertieft die Aussage. mit seinen gesungenen Worten, etwa: „Ich bin so schnell mit den Gedanken woanders, hilf mir an deine Nähe zu denken.“ Gibt es einen Sänger 3, vertieft er das ursprüngliche Gebet weiter, zum Beispiel so: „Hilf mir, mein Herz in deiner Gegenwart zu halten“. Zuletzt greift der Lobpreisleiter das Gebetsanliegen auf. Neben Sänger 1 hat er die einzige weitere Sängerrolle inne, die einen weiteren spontanen Refrain bildet. Das kann nach einer „Runde“ der Sänger geschehen, aber auch erst nach zwei.

Flexibel anwenden

Übrigens: Wie lange die einzelnen Sänger singen, ist nicht festgelegt. Der eine singt vielleicht nur einen kurzen Satz, der nächste drückt sein Gebet in mehreren Sätzen aus, dem darauffolgenden fällt vielleicht gerade nichts Neues mehr ein und deshalb wiederholt er einfach das gesungene Gebet des Vorgängers. Wichtig ist nur, dass die Refrains einfach zu merken und leicht zu singen sind, so dass alle anderen Hauskreisteilnehmer sich leicht einklinken können. Den Refrain schließt immer der Lobpreisleiter ab, indem er beispielsweise laut ausruft „Noch ein Mal singen wir den Refrain“.

Das war schon alles. Wer die Reihenfolge und die Rollen einmal verstanden hat, für den bildet das Modell eine wunderbare Grundlage für das gemeinschaftliche, gesungene Gebet. Nun können weitere Durchgänge folgen: Wieder gibt der Gebetsleiter ein Gebetsanliegen vor, wieder greift Sänger 1 das Gebet auf, wieder vertiefen die Sänger 2 und 3 und entweder vertieft der Lobpreisleiter oder er bildet einen Refrain. Fällt ihm keiner ein, ist wieder Sänger 1 dran und kann entweder eine neue Runde des Singens starten oder einen Refrain

Und machen was alle diejenigen, die keine der Rollen innehaben? Ganz einfach: Sie singen bei den Refrains mit und – jetzt kommt eine Erweiterung: Sie werden konkret eingebunden, in dem der Gebetsleiter sie zum Beispiel nach einer mit einem Refrain abgeschlossenen Gebetsrunde zum Gebet ermutigt. Er könnte sagen: „Während die Musik weiter gespielt wird, möchte ich euch alle einladen, nacheinander kurze und laute Gebete zu unserem Anliegen aus Psalm 24 zu beten. Wenn niemand mehr betet, werden die Sänger einen Refrain singen, bei dem wir alle mitsingen.“ Oder er baut zu einem anderen Zeitpunkt ein Gebet in Zweiergruppen ein: „Lasst uns jetzt für ein paar Minuten in Zweiergruppen zusammenkommen und einander darin segnen, in Gottes Nähe zu leben. Die Sänger werden auch diesen Teil mit einem Refrain abschließen.“

So unkompliziert wie Autofahren

Man könnte denken, dass das „Harp & Bowl“-Modell ganz schön kompliziert ist und man vor lauter Achtgeben, dass man seinen Einsatz nicht verpasst, ja gar nicht mehr an Gott denken kann … Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß ich, dass es mit dem Modell wie mit dem Autofahren ist. Nach anfänglichen Fehlern denkst du nach einer Weile nicht mehr darüber nach, wo das Kupplungspedal ist und wie man kuppelt, um zu schalten – du tust es einfach. So, wie das Auto dafür da ist, dich an ein Ziel zu bringen und du es genau dafür nutzt, so ist es auch mit dem „Harp & Bowl“-Modell. Es soll ein Vehikel sein und für das eigentliche Ziel genutzt werden: das gemeinsame, gesungene Gebet.

Nach anfänglichen Fehlern denkst du nach einer Weile nicht mehr darüber nach, wo das Kupplungspedal ist und wie man kuppelt, um zu schalten – du tust es einfach.

Ich erlebe dieses Modell als eine tolle Form des Betens, denn es verbindet mehrere Rollen, Inhalte und Formen miteinander. Für Hauskreise empfehle ich, es vielleicht ein paarmal auszuprobieren. Und bitte nicht genervt sein, wenn es nicht gleich klappt: Bei Fehlern lieber gemeinsam schmunzeln und weitermachen … Ich empfehle für den Anfang, den Teil des gesungenen Gebets auf 20 Minuten zu beschränken, um dann mit ein oder zwei bekannten Anbetungsliedern abzuschließen. Dann kann man in eine Austauschrunde gehen und gegenseitig fragen, wie es für den einzelnen war: „Was war gut, was war komisch, gab es besondere Momente, hat das Modell das gemeinsame Gebet unterstützt?“

Auf YouTube ist ein konkretes Beispiel aus dem Gebetshaus Freiburg eingestellt: https://www.youtube.com/watch?v=1-So7qxT_ms

Rainer Harter

Gebetshausgründer und Autor

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