sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Lobpreis, immer noch besser?

Ich mag das Lobpreislied „10 000 Gründe“ sehr gern. Es wurde 2012 von Matt Redman und Jonas Myrin geschrieben. Gern stimme ich ein in das Vertrauensbekenntnis und in die Beschreibung Gottes, dass er geduldig vergibt und Gnade, Trost und Barmherzigkeit schenkt. Allerdings zucke ich bei einer Stelle immer etwas zusammen:

„Bete den König an. Sing wie niemals zuvor, nur für ihn …“

Ständig steigern?

Sing wie niemals zuvor? Also heute besser als letzten Sonntag? Und nächsten Sonntag besser als heute? Wie soll das gehen? Kann ich denn meinen Lobpreis ständig steigern? Muss ich das?

Klar, ich darf im Glauben wachsen. Gott immer besser kennenlernen. „Singt dem Herrn ein neues Lied“ ist ein wichtiger Aufruf aus den Psalmen. Er erinnert mich, dass es bei Gott Neues zu entdecken gibt, dass er seinen Weg mit mir geht und dass es deshalb schade wäre, immer nur die alte Leier abzuspielen.

Aber Wachstum im Glauben passiert ja nicht so, dass ich Gott jedes Mal neu sehe, „wie niemals zuvor“. Es gibt Wachstumsknoten, Wachstumssprünge, aber daneben auch ganz viel stilles, unmerkliches Wachstum. Und auch Winterzeiten, in denen nichts Erkennbares passiert, sondern etwas still heranreift. In solchen Winterzeiten bin ich froh, wenn ich einigermaßen so beten kann wie gestern und wie letzten Monat. Wenn mir nichts verloren geht. „Wie niemals zuvor“ ist dann einfach zu viel verlangt.

In Winterzeiten passiert nichts Erkennbares, sondern etwas reift still heran.

Mittlerweile aber habe ich begriffen: Bei der Zeile „wie niemals zuvor“ geht es vielleicht gar nicht um immer etwas Neues. Um schneller, höher, weiter. Ich verstehe diese Zeile jetzt für mich so:

Heute ein anderer als gestern

Ich komme heute zu Gott so, wie ich bin. Und morgen werde ich zu ihm kommen, wie ich dann bin. Ich bin an jedem Tag ein anderer als am Tag zuvor. Nicht weil ich mich verbessert oder gesteigert hätte. Ich bin aber angereichert mit Erfahrungen, neuen Ideen, neuen Fragen, neuem Mut, neuen Verletzungen, neuer Klarheit oder neuer Verwirrung. Heute bin ich nicht derselbe wie gestern und morgen bin ich ein anderer als heute.

„Sing wie niemals zuvor“ – das heißt für mich: Ich werde sowieso nicht genauso singen wie zuvor. Diesen Sonntag nicht so wie letzten Sonntag. Ich singe heute „wie niemals zuvor“, weil ich all das mitbringe, was mich im Lauf der Woche geprägt hat und was mich gerade jetzt ausmacht.

Heute bin ich nicht derselbe wie gestern und morgen bin ich ein anderer als heute.

Mich Gott hinhalten

Und das gilt es bewusst anzugehen. Also bewusst mich mit all dem, was ich heute bin, Gott zuzumuten. Auch wenn ich ganz automatisch heute so singe „wie niemals zuvor“ (weil ich eben heute mit dem ganzen Allerlei angereichert bin), ist es doch gut, Gott genau das zu sagen und mich ihm zu öffnen:

„Gott, hier bin ich. Du weißt besser als ich, was mich heute ausmacht. All das bringe ich mit und schmettere mein Loblied oder singe es leise, mit brüchiger Stimme. Nichts möchte ich vor dir verbergen. Hier bin ich. Heute erneut.“

Alles, was in mir ist

Der Wikipedia-Artikel über das Lied „10 000 Gründe“ weiß zu sagen, dass der Text an Psalm 103 angelehnt ist. In diesem Psalm finden sich nicht nur die mutmachenden Beschreibungen Gottes: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, langsam zum Zorn und groß an Gnade“. Sondern da steht auch der Aufruf: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen“.

„Was in mir ist“ – genau darum geht es. Gott loben mit dem, was in mir ist, und zwar mit allem. Nicht nur mit meinem Dank, meinem Glück, meinem Vertrauen. Sondern auch mit meinen Fragen, Verletzungen, Verwirrungen, Verstimmungen. Auch das trägt dazu bei, dass ich Gott lobe. Weil ich es nicht für mich behalte und vor ihm verberge, sondern mitbringe in sein Licht. Darin liegt das Bekenntnis: „Bei dir Gott, ist der ganze Kram besser aufgehoben als in den Kammern meiner Seele. Auch wenn dir nicht alles gefallen mag – du kannst es sortieren und verändern.“ Diese Haltung ist ein Vertrauensbekenntnis zu Gott, und dieses Bekenntnis wiederum macht ihm Ehre. Ich mag den Song von den 10 000 Gründen gern, einschließlich der Zeile „Sing wie niemals zuvor“. Weil diese Worte mich daran erinnern, dass ich heute genauso zu ihm kommen darf, wie ich heute bin – und dass ich ihm gerade so willkommen bin.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

Das könnte dich auch interessieren