sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Sich selbst über den Weg trauen

„Und da habe ich gesagt: ‚Willst du mich veräppeln? Ich gehe seit Jahren intensiv mit dem Herrn, und da meinst du, hier wäre noch Dunkelheit in meinem Leben?‘“ Die Mitarbeiterin in unserer Gemeinde warf diesen Satz bei unserem Treffen in den Raum, sichtlich bewegt. Und seit ich ihn gehört habe, gibt er mir zu denken.

Trotziges Herz …

Als Christinnen und Christen sind wir an den Gedanken gewöhnt, dass unser Herz nicht immer gern in Gottes Nähe ist. Wir sind ablenkbar, ja, sogar verführbar. „Nichts auf dieser Welt ist so hinterhältig und verschlagen wie das Herz des Menschen. Wer kann es durchschauen?“ – dieser Satz von Jeremia (17,9) klingt manchen von uns schnell im Ohr. Ein „trotzig und verzagt Ding“ ist das Herz, heißt es in der Lutherbibel. Je nach Glaubenstradition kann das dazu führen, dass man sich selbst nur noch Schlechtes zutraut. Im Zweifelsfall war es eben doch kein aufrichtiger Gedanke, doch keine selbstlose Tat, doch keine arglose Nächstenliebe – bestimmt war da doch ein kleiner oder großer Stolz versteckt oder eine andere Art von Egoismus. Manchen von uns sitzt diese Haltung tief in den Knochen.

… erlöstes Herz.

Und es stimmt ja auch, biblisch gesehen: „Die Gedanken und Taten der Menschen sind schon von Kindheit an böse“ (1. Mose 8,21). Allerdings: An uns Jesusleuten, die wir ihm uns anvertraut haben, die wir immer wieder nach Golgatha zurückkehren und denen Gottes Geist gegeben ist – an uns ist doch die Erlösung nicht spurlos vorübergegangen! „Wir aber denken im Sinne von Christus“, sagt Paulus am Schluss eines seiner großen Heiliger-Geist-Kapitel (1. Korinther 2,16).

An uns ist doch die Erlösung nicht spurlos vorübergegangen!

Gebet nicht erhört – selbst schuld?

Das Misstrauen gegen unser eigenes Herz wirkt sich vor allem belastend aus, wenn wir beten. Ich bitte Gott um etwas – aber glaube ich genug? Ich sehe noch nichts von der Erhörung – habe ich also zu wenig geglaubt? Oder das Falsche erbeten? Wollte ich es nur egoistisch genießen? Oder „konnte“ Gott mein Gebet nicht erhören, weil ich noch in Sünde lebe?

Wer diese Fragen immer wieder ungefiltert und verzagt an sich heranlässt, wird bald dauerhaft verstört sein. Jede Zuversicht im Gebet schwindet – es könnte ja noch ein unerkannter Rest an Eigensucht oder Sünde da sein! Unterm Strich ist man selbst schuld, wenn man krank bleibt, auch nach viel Fürbitte um Gesundheit. Schnell kommt so zur eigentlichen Krankheit ein ungesundes Glaubensverständnis hinzu.

„Medizin“ im Heilungsgottesdienst

Die Theologin und Autorin Frauke Bielefeldt schrieb im sela.Magazin 2026 über ihre eigene Reise mit chronischer Krankheit, Gebet und Glauben. Erwartungsvoll war sie einmal zu einem Heilungsgottesdienst gegangen – und lag tags darauf noch kränker im Bett. Sie berichtet: „Zum Glück waren meine Tränen so sichtbar, dass mich mein junger Pastor an den Hauptreferenten verwies, einen bekannten charismatischen Leiter, der die Dinge im persönlichen Gespräch dann doch etwas differenzierter darstellte und mir auf den Kopf zusagte, dass ich ja empfangsbereit sei und nun nicht auf jede erdenkliche Heilungsveranstaltung rennen müsste“ (Seite 69).

Ich denke, der Zuspruch des Leiters war so etwas wie Medizin. Sie durfte davon ausgehen, dass sie für Gottes Eingreifen empfänglich war. Sie durfte ihrem Herz zutrauen, dass es für Gott offen war. Es war für sie nicht der richtige Weg gewesen, ihr Leben im Zweifelsfall weiter penibel auf Sünde, Kleinglauben oder innere Fehlhaltungen abzusuchen. Sie durfte hören, „dass ich ja empfangsbereit sei“.

Dieser Beitrag von Frauke Bielefeldt kam mir in den Sinn, als ich den eingangs zitierten Satz der Mitarbeiterin hörte. Wir saßen in einer Projektgruppe zusammen im Gemeindezentrum – Thema war, wie wir das Wirken des Heiligen Geistes in unserer Kirche mehr fördern könnten. Alle berichteten von ihrer persönlichen Geschichte mit dem Heiligen Geist. Und diese junge Mutter erzählte, wie sie verschiedentlich die Kraft Gottes erfuhr. Dass sie aber auch gesundheitlich belastet ist durch chronische Zöliakie. Sie ließ für sich beten – und bekam dann zur Antwort, dass da ja wohl noch Sünde in ihrem Leben sei, wenn Gott sie nicht heilte.

Gottes Geschichte nicht verleugnen

Das war der Moment, als sie ihre aufgewühlte Antwort gab: „Willst du mich veräppeln? Ich gehe seit Jahren intensiv mit dem Herrn!“ Sie sagte der Person, dass gerade die letzten Jahre der Krankheit eine Zeit waren, wo sie Gott näher gekommen ist als je zuvor. Sein Wesen tiefer kennengelernt hat. Seinem Geist Raum gegeben hat. Dieses Vertrauen, diese Nähe soll sie jetzt quasi verleugnen, um sich auf eine ängstliche Sünden-Suche zu machen? „Willst du mich veräppeln?“

Beim Zuhören habe ich den tiefen Ernst hinter ihrem Worten und ihrem Leben gespürt. Eine aufrichtige Jesusliebe. Und ich dachte: Jawohl, es ist richtig, an dieser Stelle dem eigenen Herzen über den Weg zu trauen. Die eigene Geschichte mit Gottes Geist wertzuschätzen. Natürlich bewahrt Jesusliebe nicht davor, von Gottes Weg abzuweichen. Vertrautheit mit dem Heiligen Geist schützt nicht per se vor Sünde. Aber der Heilige Geist wird das Augenmerk schnell auf Übertretungen und Sünde richten. Seine kranken Kinder zappeln lassen, bis sie zerknirscht genug sind, um den Sünden-Scanner rauszuholen – das ist doch nicht die Art des Heiligen Geistes!

Seine kranken Kinder zappeln lassen, bis sie zerknirscht genug sind, um den Sünden-Scanner rauszuholen – das ist doch nicht die Art des Heiligen Geistes!

Die Prägekraft des Geistes

Diejenigen, die durch Jesus mit Gott versöhnt sind, die Jesus nachfolgen, die dem Heiligen Geist Raum geben, die ihr Denken an der Bibel schulen – die werden einen realistischen Blick auf sich selbst haben. Die werden damit rechnen, dass sie blinde Flecken und bevorzugte Stolperfallen haben. Die werden aber auch der Erlösung durch Christus viel zutrauen. Die werden den Glauben haben, dass die Prägekraft von Gottes Geist bleibende Spuren hinterlässt.

Unter diesem Vorzeichen dürfen wir uns selbst über den Weg trauen. Und auch unserem Herzen trauen. Es ist flatterhaft, verführbar, aber durch Jesus erlöst, von Gott erneuert und vom Geist durchwirkt. Es ist das Organ der Gottesliebe.

Wenn wir uns in aller Demut so selbst über den Weg trauen, dann wird auch unser Beten entsprechend sein: Hörbereit. Korrekturwillig. Vertraut mit Gott. Unbefangen im Gebet. Erwartungsvoll. Ausdauernd in Wartezeiten auf die Erhörung. Und mit Gott im Dialog darüber, welchen Weg er mit uns gehen möchte – sei es, dass er Gebete schnell erhört, sei es, dass wir unbegreiflich lange warten müssen. Was auch immer los ist – Gott hat unser Herz.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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