Viele von uns haben Menschen um sich, die sie gern in der Nähe Gottes sähen. Die Hoffnung dabei ist, dass jemand, der bisher dem Glauben vielleicht eher indifferent oder uninteressiert gegenüberstand, von Gott berührt wird. Dass Interesse entzündet wird. Dass Gott diese Person nicht mehr loslässt und dass dieser Mensch die Schwelle zum persönlichen Glauben überschreitet.
Wenn dir jetzt Namen und Gesichter vor Augen stehen: Das sind Menschen, für die du sicherlich auch betest. Vielleicht schon über lange Zeit. Was können wir von unseren Gebeten erwarten? Was für ein Handeln Gottes könnten wir als Beterinnen oder Beter auslösen?
Was könnte mein Gebet bewirken?
Mir hilft es, wenn ich mir ein bisschen konkreter ausmalen kann, was durch mein Gebet in Bewegung kommen könnte. Ich bete dann gezielter. Nicht nur in allgemeinen und schwammigen Worten.
Mir hilft es, wenn ich mir ein bisschen konkreter ausmalen kann, was durch mein Gebet in Bewegung kommen könnte. Ich bete dann gezielter.
Wenn Gott einen Menschen erreicht mit dem Wunsch, ihn für sich zu öffnen, dann könnte Gott das auf dreierlei Weise tun:
1. Fülle des Segens
Die Person erlebt ungeahnten Segen. Sie macht eine Reihe von unverhofft guten Erfahrungen. Dieser positive Zustrom könnte irgendwann die bisherigen Erfahrungen (die vielleicht nicht so gut waren) aufwiegen und überstrahlen. Irgendwann kommt ein „Kipp-Punkt“, wo Gott als Quelle des Guten so plausibel wird, dass dieser Mensch eine Entscheidung für den Glauben trifft.
Ich kann mir vorstellen, dass so etwas tatsächlich vorkommt. Der Liedermacher Reinhard Mey war von der Geburt eines seiner Kinder so berührt, dass er darin „die Antwort auf alle Fragen vom Sinn und Widersinn der Welt“ sah (so das Lied „Die erste Stunde“). In diesem Moment war nichts anderes möglich, „als nur stumm dies Geschenk dankbar zu empfangen“. Mey empfand sich als „ein Teil der Schöpfungsstunde“. Das klingt schon ziemlich religiös. Diese Geburt war sicherlich so etwas wie eine Anrede Gottes an ihn.
Ich denke auch an eine literarische Figur: an Inspektor Gunnar Barbarotti, der vom schwedischen Autor Håkan Nesser erfunden wurde. Barbarotti führt ein Punktekonto über die Existenz Gottes und vermerkt – je nachdem, was ihm widerfährt – Plus- oder Minuspunkte. Im Verlauf der Krimifolgen ist Gott letztlich so weit im Plus, dass die weitere Zählung sinnlos wird. Das erlebte Gute scheint Überzeugungskraft zu haben.
2. Grundmuster verschieben sich
Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Lebens-Rahmen eines Menschen sich allmählich verschiebt. Zunehmend wird deutlich, dass alte Muster, Haltungen, Deutungen, Antworten und Lösungen nicht mehr passen. Die Frage nach einem tieferen Sinn kommt auf. Vielleicht auch die Einsicht, dass unser Leben ohne die Macht eines Schöpfers nicht erklärbar ist. Oder dass die Seele ohne Kontakt zu Gott niemals zur Ruhe kommen wird. Wie auch immer – der Wunsch nach neuer Ausrichtung wächst. Und vielleicht führt dieser Wunsch jemanden irgendwann über die Schwelle des Glaubens.
Vielleicht ensteht die Einsicht, dass unser Leben ohne die Macht eines Schöpfers nicht erklärbar ist.
3. Erschütterte Fundamente
Schließlich ist auch noch denkbar, dass sich der Rahmen eines Lebens nicht allmählich verschiebt, sondern ganz abrupt. Die Fundamente werden erschüttert. Die Koordinaten wirbeln durcheinander. Das Schicksal schlägt. Etwas zerbricht. Eine Krise fordert Entscheidungen. Und in all den Rissen öffnet sich die Perspektive auf Gott.
Ergebnis offen
Drei denkbare Möglichkeiten. Variante 1 scheint die sanfteste zu sein, die barmherzigste. Variante 3 ist die verstörendste. Ich würde den Menschen, die ich gern in Gottes Nähe sähe, am liebsten Möglichkeit 1 wünschen. Aber manchmal wird auch Möglichkeit 3 notwendig sein.
Drei denkbare Möglichkeiten. Keine von ihnen führt zwangsläufig zum Glauben. In allen Varianten kann man sich für Gott verschließen. Kann man eine Veränderung vermeiden. Kann man das Neue überspielen, das notwendig wäre. In Version 1 könnte man satt und selbstzufrieden werden, in Version 2 konfus, in Version 3 verbittert über Gott.
Alle drei Varianten aber sind Chancen für Gott. Und hier kommt mein Gebet ins Spiel. Wenn ich für Menschen bete, die ich gern in Gottes Nähe sähe, möchte ich gern konkret beten. Nicht dass ich Gott Vorschläge mache, wie er diese Personen am besten erreicht. Und zwingen wird Gott ja sowieso niemanden, weder durch Segensströme noch durch Schicksalsschläge. Gott braucht die Konkretion meiner Gebete nicht unbedingt, aber ich selbst brauche sie. Deshalb möchte ich mir die Vielfalt der Wege vor Augen halten, wie Gott die Menschen zu sich ziehen kann, die mir am Herzen liegen. Die Vielfalt, die man in die drei genannten Varianten typisieren kann – und die Gott die Freiheit belässt, auch noch ganz anders zu handeln.
Alle drei Varianten sind Chancen für Gott. Und hier kommt mein Gebet ins Spiel.
Vorstellungshilfen beim Gebet
Die Vorstellung dieser drei Grundtypen hilft mir, nicht enttäuscht zu sein, wenn es jemandem dauernd nur gut geht und er glücklich und unbeschwert lebt – und nicht auf die Idee kommt, nach Gott zu fragen. Wer weiß, ob sich nicht die ganze Zeit trotzdem etwas tut? Ob sich zum Beispiel die Koordinaten seines Denkens unmerklich verschieben? Ich muss auch nicht verzweifeln, wenn jemand von einer Krise in die nächste stolpert und dabei zynisch über Gott denkt. Wer weiß, ob nicht irgendwann ein fester Felsgrund des Schöpfer-Segens in seinem Leben zum Vorschein kommt, der jede Krise überdauert hat? Vermutlich sind die drei Varianten von Gottes Handeln nicht mehr als eine Vorstellungshilfe für mich als Beter. Aber ich komme ohne Vorstellungshilfen oft nicht aus. Deshalb greife ich zu ihnen: um es nicht bei allgemeinen Worten zu belassen. Um die Hoffnung bei meinen Gebeten zu behalten.