Als erste Person reingehen und als letzte heraus – das ist Usus zum Beispiel bei Flugzeugpiloten. Wir kennen aus der Seefahrt auch die Tradition: Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff. Piloten und Kapitäne stehen persönlich für die Verantwortung ein, die sie tragen.
Den Jordan durchschreiten
Als erste rein, als letzte raus: Dieses Konzept kann auch für Beterinnen und Beter gelten. Auf diese Idee hat mich der Bericht im Josuabuch gebracht, der schildert, wie die Israeliten auf dem Weg ins versprochene Land den Jordan beim Frühjahrshochwasser trockenen Fußes durchqueren. Wobei niemandem im Vorhinein klar war, wie das ablaufen sollte. Fest stand nur, dass man irgendwie über den Fluss rübergelangen musste. Schnell wurde auch deutlich, dass es ohne ein Wunder Gottes nicht gehen würde. Josua kündigte dieses Wunder an (Jos 3,5).
Eine entscheidende Rolle dabei spielte die Bundeslade – das materielle Symbol für die heilige Gegenwart Gottes. Diese Lade wurde von Priestern getragen. Das Geschehen lief so ab, dass die Priester als erste ins Wasser schritten. Der Fluss staute sich daraufhin ca. 30 Kilometer flussaufwärts. Nun war der Weg durchs Trockene frei. Nachdem alle Israeliten das Jordan-Flussbett durchschritten hatten, entnahm man noch zwölf Steine, um sie als Denkmal im Lagerplatz aufzubauen (und zwölf weitere Steine in der Mitte des Flussbettes). Erst danach kamen die Priester mit der Bundeslade ans Ufer – woraufhin sich die Stauung auflöste und das Wasser wieder normal strömte (Jos 3,8–4,18).
Nicht zu schnell symbolisch deuten …
Was hat das mit dem Gebet zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Grundsätzlich ist eine gewisse Zurückhaltung sinnvoll, wenn man alttestamentliche Begebenheiten – Dinge, die erst einmal einfach damals geschehen sind – geistlich oder symbolisch deuten möchte. Man könnte sonst schnell zu viel in diese Bibeltexte hineindeuten. Hinzu kommt: Gebet war allenfalls eine Nebenaufgabe der Priester. Doch immerhin – sie hatten auch den Segen zu sprechen, und beim Versöhnungsopfer wird angenommen, dass auch eine Fürbitte damit verbunden war.
… und doch Parallelen zum Gebet sehen
Dennoch möchte ich eine Parallele zum Gebet ziehen. Denn beten heißt ja, in Gottes Gegenwart einzutreten. In das Kraftfeld, das durch die Bundeslade symbolisiert wurde. Und von Jesus wissen wir, dass er in seiner Funktion als Hohepriester fürbittend für uns eintritt (Hebr 7,25). Unter diesem Vorzeichen gibt es also doch eine Parallele zwischen Priestertum und Gebet.
Was würde auf diesem Hintergrund die Geschichte vom Jordan-Durchzug uns Beterinnen und Betern sagen? Mich hat beeindruckt, dass die Priester es waren, die als erste in den Fluss traten und ihn als letzte wieder verließen. Sie waren es, die das Wunder der Wasseraufstauung auslösten. Und ich denke, als betende Menschen können wir eine ähnliche Rolle einnehmen. Wir betreten Räume oder bestimmte Situationen als erste und verlassen sie als letzte. Nicht im buchstäblichen Sinn; wir müssen nicht unbedingt körperlich anwesend sein. Aber wir können einen „Raum“ betreten, indem wir beten, und wir füllen ihn aus, solange wir beten. Als erste rein, als letzte raus.
Wir können einen „Raum“ betreten, indem wir beten, und wir füllen ihn aus, solange wir beten.
Vom Gebet gerahmte „Räume“
Das kann eine segnende, lösende, vertiefende, heilende Wirkung haben:
- Für knifflige Sitzungen. Wenn wegweisende Entscheidungen anstehen. Oder wenn Konfliktparteien aufeinandertreffen. Oder wenn allgemein die Spannung im Raum greifbar ist. Würde es nicht einen Unterschied machen, wenn Beterinnen oder Beter diesen „Raum“ als erste betreten und füllen und ihn als letzte wieder verlassen?
- Auch für direkte Gespräche – Begegnungen, erstes Kennenlernen, Konfliktgespräche – können Betende einen solchen Einfluss haben.
- Gottesdienste haben mit großer Wahrscheinlichkeit eine tiefergehende Wirkung, wenn Beter die ersten dort sind und als letzte bleiben. Wiederum nicht notwendig physisch vor Ort – aber segnend im Gebet.
- Und wie ist es mit Familientreffen – wenn sich Menschen begegnen, die sich nicht sehr oft sehen und die all ihre Unterschiedlichkeiten mitbringen? Je nach Konstellation ist nicht von vornherein gesagt, ob ein solches Treffen friedlich abläuft. Oder ob es zwar friedlich, aber auch oberflächlich bleibt. Oder ob es tiefe, ehrliche Begegnungen gibt.
- Die Liste lässt sich noch fortsetzen: Weihnachtsfest, Elternabend, entscheidende Projektphasen, Planungstreffen und Brainstorming, und warum nicht auch ganz fröhliche Anlässe wie Familienausflug, Ehewochenende, Urlaub, Eröffnungsfeier …
Unser „Jordantal“ kann sehr unterschiedlich aussehen. Es wäre eine Versuchsreihe wert, zu vielen Gelegenheiten bewusst in der Rolle einer Beterin, eines Beters als erste rein- und als letzte rauszugehen.