Im vorherigen Beitrag aus dieser Serie ging es um Gebet für die eigene Stadt. Heute möchte ich mich weiter in diesem Kontext bewegen und ein paar besondere Menschen aus der eigenen Stadt in den Blick nehmen, für die man beten kann.
Ich beginne mit einer kurzen Passage aus dem Brief des Apostels Paulus an seinen geistlichen Sohn Timotheus. Darin ruft er uns Christen auf:
„Betet besonders für alle, die in Regierung und Staat Verantwortung tragen, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, ehrfürchtig vor Gott und aufrichtig unseren Mitmenschen gegenüber.“ (1. Timotheus 2,2)
Große Egos und Skandale
Im Alltag nehme ich wahr, dass Politiker generell kein gutes Ansehen in der Bevölkerung genießen. Zu viele kleine und große Skandale sind ans Licht der Öffentlichkeit gekommen und das Vertrauen in diese Menschengruppe ist stark gesunken. Es glaubt kaum noch einer, dass es Politiker gibt, die nicht von einem übergroßen Ego oder von Geltungsdrang angetrieben werden, sondern tatsächlich das Wohl der Menschen suchen, deren Wählerstimme sie bekommen wollen oder bereits bekommen haben. Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich und ihre Anliegen schlecht von ihren gewählten Vertretern repräsentiert.
Was kann man tun? Die nächsten Wahlen sind möglicherweise noch Jahre entfernt und weder Ignoranz noch Ablehnung ändern etwas an der Situation. Wäre es nicht eine gute Idee, ab und zu für die politischen Entscheider der Stadt zu beten, anstatt in einer Haltung der inneren Distanz oder der Kritik zu verharren – so berechtigt sie vielleicht sein mag? Ob wir es wollen oder nicht, bestimmen diese gewählten Vertreter in gewissem Umfang über unsere Lebensführung und über unsere Möglichkeiten. Das gilt nicht nur für den Kanzler oder die Ministerpräsidentin, sondern auch für unsere Kommunalpolitiker – und um diese soll es hier konkret gehen.
Genauso bedürftig wie ich
Habt ihr euch schon einmal mit euren „Stadtoberen“ befasst? Wisst ihr beispielsweise, wofür der Oberbürgermeister eurer Stadt steht? Kennt ihr die Gesichter der Gemeinderäte? Sind euch die Herausforderungen, vor denen sie stehen, bekannt? Das Bild, das wir von unseren Kommunalpolitikern haben, ist in der Regel von einer kritischen Berichterstattung in den Medien geprägt. Man ärgert sich über ihre Entscheidung, die Parkgebühren schon wieder zu erhöhen, oder man kennt sie nur von Pressebildern, auf denen sie mit einer Schaufel oder einer Schere in der Hand bei einem Spatenstich oder der Eröffnung eines neuen Gebäudes zu sehen sind. Aber wer sind diese Menschen eigentlich? Was brauchen sie? Wie können wir sie betend unterstützen?
In meinem Freundeskreis gibt es einige Politiker und Kulturschaffende, mit denen ich mich regelmäßig zum Austausch und zum gemeinsamen Gebet treffe. Von diesen Begegnungen her weiß ich, wie wichtig die Unterstützung durch Gebet für sie ist.
Von meinen Begegnungen mit Politikern und Kulturschaffenden her weiß ich, wie wichtig die Unterstützung durch Gebet für sie ist.
Rainer Harter
Ich möchte also vorschlagen, die Kommunalpolitikerinnen und -politiker eurer Stadt zum Thema zu machen. Wenn ihr mit mehreren Zusammen betet, z. B. im Hauskreis oder der Kleingruppe, könntet ihr sie zum Beispiel anhand von ausgedruckten Fotos kurz vorstellen, denn es ist immer eine Hilfe, das Gesicht der Person vor sich zu haben, für die man beten möchte.
Nach einer thematischen Auseinandersetzung, beispielsweise zu den oben erwähnten Punkten, könntet ihr anschließend in eine Gebetszeit für diese Menschen gehen. Jede Hauskreisteilnehmerin, jeder Teilnehmer könnte sich eines der Bilder schnappen und für diese spezielle Person beten. Vielleicht ist es sogar eine gute Idee, gerade den- oder diejenige auszusuchen, die man auf keinen Fall wählen würde und wo es die größten politischen, religiösen oder weltanschaulichen Differenzen gibt. Das wäre dann praktisch ausgeübte Liebe, denn während man auf das Bild eines Menschen sieht, während man für ihn betet, kann es gut sein, dass man das Menschsein hinter den Überzeugungen, Worten und Handlungen erkennt und spürt: Er oder sie ist genauso bedürftig wie ich.
Das Wohl der Stadt und unser Wohl
Dieser Gebetsvorschlag ist eine ganz praktische Umsetzung der bekannten Worte des Propheten Jesaja: „Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen“ (Jesaja 29,7).
In dieser Aussage sehe ich drei wichtige Punkte für unsere Haltung als Christen unserer jeweiligen Stadt gegenüber:
- erstens den ganz praktischen Aspekt des Bemühens darum, nicht nur das eigene Wohl zu suchen, sondern sich aktiv dafür einzusetzen, dass es meiner Stadt und ihren Menschen gut geht,
- zweitens den Aufruf zum Gebet für die Stadt – siehe den betreffenden Blogbeitrag –,
- drittens aber auch eine Verheißung. Wenn ich die Worte des Apostels Paulus mit denen des Propheten Jesaja zusammenfasse, wird sehr klar, dass unser Gebet für unsere Verantwortungsträger nicht nur Auswirkungen auf sie hat, sondern auch auf uns selbst. Der Same unseres Gebets führt letztlich auch dazu, dass wir unseren Glauben ohne Widerstände leben und auch zeigen können. Das ist eine starke „Nebenwirkung!“
Der Same unseres Gebets führt letztlich auch dazu, dass wir unseren Glauben ohne Widerstände leben und auch zeigen können.
Bevor wir uns also beschweren, demonstrieren oder gar negatives Politiker-Bashing auf Social Media betreiben, sollten wir beten. Das Gebet nämlich trägt und verheißt deutlich mehr Veränderungspotenzial als alles andere.