Kann mein Gebet etwas beeinflussen?

Wir leben in wilden Zeiten. Als Beterinnen und Beter stellt uns das vor besondere Herausforderungen. Wer die Nachrichten über längere Zeiträume verfolgt, gewinnt den Eindruck: Viele Dinge in der Weltpolitik passieren gleichzeitig, die vor wenigen Jahren so noch nicht vorstellbar waren. Wie soll man da noch beten? Können wir etwas beeinflussen?

Unsere Sorgen – abseits von der „Endzeit“

Die Frage stellt sich ja auch im kleineren Umkreis des persönlichen Lebens. Auch da gibt es Phasen, wo Sorgen sich türmen. Oder wo eine Sorge sich über lange Zeit ausdehnt und die Situation sich nicht groß ändert. Was für eine Wirkung können wir von unserem Gebet erwarten?

Ich bin über einen kleinen Satz von Jesus gestolpert. Eine Gebetsanweisung, die sehr speziell und zielgenau formuliert ist. Und ich frage mich, warum Jesus genau diese Zielrichtung des Gebets benannt hat. Diese Gebetsanweisung steht in der großen Endzeit-Rede von Jesus (Matthäus 24; Markus 13). Wenn ich nun in diesen Bibelabschnitt ein wenig einsteige und wenn ich eingangs von den wilden Zeiten in der Weltpolitik gesprochen habe, dann will ich hier ausdrücklich keinen Endzeit-Zusammenhang herstellen. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, wir könnten durch den Blick in die Tageszeitung oder in die Tagesschau beobachten, wie der „Zeiger an der Weltenuhr“ in den Bereich der Endzeit gerückt ist. Mich interessiert hier vielmehr, wie Jesus vom Gebet spricht und was für Schlüsse wir daraus für unser Beten ziehen können.

Bedrängnis mit beklemmenden Faktoren

Worum geht es in den Worten von Jesus? In Markus 13,14-23 spricht er von umwälzenden Ereignissen. Sie beziehen sich auf den Tempel in Jerusalem. Jesus verwendet die biblische Formulierung „Gräuel der Verwüstung“ und meint damit offenbar, dass der Heilige Ort Gottes auf höchst lästerliche und frevelhafte Weise entweiht wird. Daraus entsteht eine maßlose Bedrängnis. Jesus benennt keine konkreten Personen, aber er spricht bestimmte Umstände an:

• Ort: Tempel, Jerusalem, Bergland von Judäa
• Betroffene Personen: alle, auch die ‚vulnerablen Menschen‘ (Schwangere, Stillende)
• Intensität: „so, wie es das seit Beginn der Schöpfung bis jetzt nicht gab und auch nicht mehr geben wird“ (Mk 13,19).

All das scheint unabwendbar zu sein und ist – so müssen wir wohl annehmen – auch durch kein Gebet aufzuhalten.

Und dann kommt dieser bemerkenswerte Satz von Jesus:

„Betet aber, dass es nicht im Winter geschehe!“ (Mk 13,18).

Beter können also durchaus etwas beeinflussen – Jesus erwartet dies. Worauf aber nehmen sie Einfluss?

Die eine Wirkung des Gebets

Einfluss nehmen sie nicht auf den Ort / das geografische Ausmaß der Bedrängnis. Nicht auf die betroffenen Personen, die etwa verschont würden (nein, werden sie nicht). Nicht auf die Intensität (es wird schlimm!). Aber auf die Zeit – darauf haben Beter Einfluss. „Betet aber, dass es nicht im Winter geschehe!“ Größeres Wirkungsspektrum hat das Gebet nicht. Aber diese eine Wirkung hat es dann doch.

Dass die Bedrängnis entsetzlich wird, müssen die Betroffenen hinnehmen. Und um in Sicherheit zu kommen, dafür muss man selbst sorgen („Flieht in die Berge!“, Mk 13,14). Hier gibt Gott keine Erleichterung. Dass das Unglück generell an der Heiligen Stadt vorübergeht, ist auch nicht zu erwarten. Aber der Zeitpunkt könnte entweder denkbar ungünstig sein (im Winter schwellen die Flüsse an, Straßen wurden nur schwer passierbar). Oder aber er könnte eine Erleichterung mit sich bringen. Damit genau dies passiert, damit es an einem möglichst günstigen Zeitpunkt geschieht – darum soll man beten. Hier kann das Gebet etwas beeinflussen. Und es scheint nicht egal zu sein, ob man für diese Sache, für diese begrenzte Einflussmöglichkeit betet oder nicht. Wenn es eh egal wäre, hätte Jesus diese Gebetsanweisung nicht gegeben.

Damit genau dies passiert, damit es an einem möglichst günstigen Zeitpunkt geschieht – darum soll man beten.

Auserwählte Beter

Der Bibelausleger und Markus-Kommentator Adolf Pohl macht auf weitere Zusammenhänge aufmerksam: Jesus spricht von den „Auserwählten,“ zu deren Gunsten die schweren Tage verkürzt werden (Mk 13,20). Wieder geht es um den Faktor Zeit; hier nicht um den Zeitpunkt („nicht im Winter“), sondern um die Dauer (nicht zu lang). Von solchen Auserwählten spricht Jesus auch in dem wichtigen Gebets-Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter (Lk 18,1-8). „Wird dann nicht Gott erst recht seinen Erwählten zu ihrem Recht verhelfen, wenn sie Tag und Nacht zu ihm schreien? Wird er sie etwa lange warten lassen?“ (Lk 18,7). Auch hier der Zeitfaktor ‚nicht zu lange‘ bzw. ‚nicht zu spät‘ – im Zusammenhang mit dem Gebet. Adolf Pohl wirft Seitenblicke in andere Teile der Bibel und folgert dann: „Bei dem Vater unseres Herrn Jesus Christus gibt es sowohl gnädige Verlängerungen (Lk 13,6-9) als auch gnädige Verkürzungen (Lk 18,7-8). Darin spielen die Gebete der Auserwählten eine lebendige Rolle.“

Bei Gott gibt es sowohl gnädige Verlängerungen als auch gnädige Verkürzungen. Darin spielen die Gebete der Auserwählten eine lebendige Rolle.

Adolf Pohl

Schlussfolgerungen für uns

Treten wir ein paar Schritte zurück und versuchen, das große Bild in den Blick zu nehmen. Treten wir so weit zurück, dass nicht nur die großen apokalyptischen Verwerfungen in Sicht sind, sondern auch unser eigenes Leben hier und jetzt. Können wir irgendetwas für unser Leben und Beten aus den Worten von Jesus ableiten?

Ich ziehe für mich folgende Schlussfolgerung: Wenn ich für eine persönliche Sorge bete oder auch für die Weltpolitik in diesen „wilden Zeiten“, dann kann es sehr wohl sein, dass mein Gebet nicht alle Rahmenbedingungen zum Guten wendet. Es kann eine Menge Faktoren geben, die Gott unverändert lässt. Aber es kann durchaus den einen Faktor geben, der beeinflussbar ist. Beeinflussbar von mir als Beter. In dem Ausblick von Markus 13 ist es die Zeit. In meinem Leben muss es nicht immer die Zeit sein. Es könnte auch das Ausmaß eines Problems sein. Oder nicht das Ausmaß, aber die betroffenen Personen. Oder nicht die Personen, aber die Intensität. Oder nicht die Intensität, aber die Widerstandskraft der Leidenden. Oder nicht die Widerstandskraft, aber die Dauer. Oder …

Betend einen Unterschied machen

Ich habe nicht für jede meine Sorgen eine präzise Gebetsanweisung von Jesus. Er sagt nicht jedes Mal zu mir: ‚Bete, dass es nicht hier oder dort oder nicht dann oder auf diese oder nicht auf jene Weise geschieht.‘ Aber auch ohne eine solche präzise Anweisung schöpfe ich Hoffnung für mein Beten. Vielleicht kann ich nur auf wenige Faktoren einwirken. Vielleicht nur auf einen einzigen. Der könnte aber einen großen Unterschied machen. Deshalb will ich versuchen, mit aller Kraft zu beten. Damit das verhütet wird, was Gott durch mein Gebet abfangen möchte, oder damit das geschieht, was Gott durch mein Gebet auslösen möchte.

Ich will versuchen, mit aller Kraft zu beten, damit das geschieht, was Gott durch mein Gebet auslösen möchte.

Ulrich Wendel

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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