sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Gebetsverbindung – durch nichts zu ersetzen

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, gemeinsam mit meinem mittleren Sohn (6) meine liebe Großmutter zu besuchen. Sie war immer Teil meiner Kindheit, wohnte direkt nebenan. Auch als ich erwachsen wurde, waren sie und mein Großvater wichtige Personen in meinem Leben. Und uns verband schon immer der tiefe Glaube, in dem sie mir mein Leben lang ein Vorbild war.

Trompete ohne Resonanz

Nun sitze ich also mit ihr am Tisch. Sie ist mittlerweile 98 Jahre alt, sehr schwerhörig, sie ist schon leicht dement, erkennt mich aber. Und sie kennt unsere Namen. Doch ein Gespräch kommt nicht zustande. Sie ist gezeichnet von vielen Krankheiten, die sie zuletzt durchgestanden hat. Und ihre Welt und ihre Wahrnehmung ist sehr schmal geworden. Ich weiß nicht, was ich ihr erzählen soll. Von meiner Arbeit? Von meinem Leben? Von der Gemeinde? Ich finde nichts, was ich sagen kann.

Ihre Welt ist sehr schmal geworden. Ich finde nichts, was ich ihr sagen kann.

Da ich gute 600 Kilometer weit weg wohne, sehen wir uns nur sehr selten. Deswegen bin ich kein Teil ihres alltäglichen Lebens und ich finde kaum einen Zugang zu ihr. Ich packe meine Trompete aus und spiele ihr einige alte Kirchenlieder, in der Hoffnung, dass wir uns darüber treffen. „Von guten Mächten“ klingt es aus dem goldenen Schallbecher. Doch leider … nichts. Das schmerzt. Wie sehr wünsche ich mir, mit ihr eine Verbindung aufzubauen. Wer weiß, wie oft ich sie noch sehen werde?

Im Vaterunser Verbindung gefunden

Am Abend bringen wir sie zurück in ihr Zimmer in der Seniorenresidenz. Sie isst einen Joghurt; mein Sohn und ich müssen langsam gehen. Da fällt es mir ein: Uns verbindet doch der Glaube! Und sie kennt alle wichtigen Texte und Gebete. Ich schlage vor, dass wir gemeinsam das „Vaterunser“ beten. Gemeinsam beten wir also: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe …“ Meine Oma spricht leise, aber bestimmt das Gebet mit. Sie hatte den ganzen Tag fast kein Wort gesprochen, aber nun stimmen wir gemeinsam in das Gebet ein. Wir machen uns eins.

Und da ist sie, die Verbindung, nach der ich den ganzen Tag gesucht, ja, mit der ich den ganzen Tag gerungen hatte. Voller Inbrunst beten wir. Das Gebet stellt eine klare Situation her. Wir sprechen nicht nur miteinander, sondern wir sprechen gemeinsam mit Gott. Der gemeinsame Nenner, die Basis für unser Miteinander ist plötzlich klar. Es geht nicht darum, dass ich ihr Belanglosigkeiten aus meinem Alltag berichte, mit denen sie nichts anfangen könnte und die nur eine peinliche Stille überbrücken. Nein, wir kommunizieren. Gemeinsam. Mit dem Herzen. Gott selbst ist der gemeinsame Dritte, auf den wir schauen und der eine Verbindung herstellt, die anders nicht herzustellen ist.

Gott selbst ist der gemeinsame Dritte, auf den wir schauen und der eine Verbindung herstellt, die anders nicht herzustellen ist.

Segen zurückgeben

Nach dem gemeinsamen Gebet segne ich sie und bete für sie. Früher, wenn ich sie und meinen Opa besuchte, habe ich immer um einen Segen gebeten. Nun war ich an der Reihe, ihr den Segen weiterzugeben. Ich knie neben ihrem Rollstuhl, bete für Gottes Frieden für sie. Innig. Von Herzen. Auf diese Weise kann ich ihr meine Liebe und Dankbarkeit schenken. Und nun kann ich sie spüren, die innere Verbindung. Durch den Glauben, durch das Gebet. Es fühlt sich an „wie früher“, als wir noch den Alltag miteinander teilten. Ich umarme sie und im Frieden kann ich nach Hause gehen. Es war kein Austausch leerer Worte. Es war ein Moment inniger, herzlicher Verbindung. Durch das Gebet. Dankbar und glücklich gehe ich mit meinem Sohn nach Hause.

Frieden füllt das Herz

Nur zwei Wochen später starb meine geliebte Oma. Sie starb in Frieden, verbunden mit ihrem Schöpfer und mit denen, die sie liebhatten. Und auf ihrer Beerdigung durfte ich ein Lied singen, das mein Herz immer wieder bewegt und das den Segen unserer letzten Begegnung aufgriff: „Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von Fern. Mein Herze im Glauben doch alle Zeit singt: Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn.“ Wie dankbar bin ich für das Gebet, das gemeinsame Gebet. Es verlieh uns Worte, mit denen wir Verbindung finden konnte. Es schaffte eine Basis, eine klare Kommunikation. Es war das Band, das uns miteinander verband – und uns mit Gott.

Marcus Beier

Marcus Beier ist Redakteur im Bundes-Verlag.

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