sela. Der Blog

Der Blog des Gebetsmagazins sela. greift Fragen auf, die rund um das Thema Gebet aufkommen.

Vaterunser im Fokus (II)

Dass Gottes Wille sich durchsetzt, darum beten wir jedes Mal, wenn wir das Vaterunser beten. „Dein Wille geschehe!“ Und zwar soll dieser Wille Gottes auf der Erde genauso geschehen, wie er im Himmel geschieht. Was bedeutet diese Bitte? Sollen wir den Himmel auf die Erde herab-beten? Bewirkt das Vaterunser, dass unsere Erde dem Himmel ähnlich wird?

Wieder einmal ist das Vaterunser so komprimiert, dass man es beim schnellen Durchbeten gar nicht richtig erfassen kann. So jedenfalls mein Eindruck. Wie man diese Vaterunserbitte ansatzweise erschließen kann, darüber habe ich hier geschrieben. Und darüber hinaus habe ich eine biblische Spur entdeckt, die mir noch mehr hilft, diese Bitte besser zu verstehen.

Wenn die Erde den Himmel abbildet

Jesus spricht einmal davon, dass sich bei uns auf der Erde etwas widerspiegelt, das im Himmel passiert. Die Erde bildet den Himmel ab. Oder sie soll das tun. Und zwar in einer bestimmten Situation: Wenn jemand, der vor Gott weggelaufen ist oder den Kontakt mit ihm verloren hat, sich Gott wieder zuwendet. In der Sprache der Evangelien: Wenn ein Sünder umkehrt. Jesus erzählt davon in den drei Gleichnissen vom Verlorenen (Lukas 15): das verlorene Schaf, der verlorene Groschen, der verlorene Sohn. Immer wenn so jemand, der Gott verloren gegangen ist, zurückkehrt – dann steigt ein Freudenfest im Himmel. „Genauso ist im Himmel die Freude über einen verlorenen Sünder, der zu Gott zurückkehrt, größer als über neunundneunzig andere, die gerecht sind und gar nicht erst vom Weg abirrten!“ (Lukas 15,7).

Aus dieser Freude im Himmel zieht Jesus eine Schlussfolgerung: Genauso soll diese Freude auch auf der Erde sein. Man soll die zurückgekehrten Menschen hier bei uns so feiern, wie der Himmel sie feiert. Dieses Fazit klingt klar im Gleichnis vom Verlorenen Sohn an: „Aber wir müssen uns doch freuen und so richtig feiern!“ (Lukas 15,32a). Und der ganze Kontext der drei Gleichnisse legt diese Schlussfolgerung ebenfalls nahe: Jesus wird dafür kritisiert, dass er sich mit „Zöllnern und Sündern“ an einen Tisch setzt und fröhlich tafelt (Lukas 15,2), und als Antwort darauf erzählt er von der Freude im Himmel.

So soll es also aussehen: Wenn im Himmel Freude ist, sollen wir auch hier unten feiern. So geschieht Gottes Wille wie im Himmel, so auf Erden. Die Erde bildet den Himmel ab.

Wenn im Himmel Freude ist, sollen wir auch hier unten feiern. So geschieht Gottes Wille wie im Himmel, so auf Erden.

Ein Gebet, das wir (auch) selbst erhören können

Bewirkt also das Vaterunser, dass unsere Erde dem Himmel ähnlich wird? Ja klar. Nur dass wir selbst dazu beitragen können, dass diese Bitte erhört wird! Das zeigen uns die drei Gleichnisse aus Lukas 15. Wir sind es ja, die sich für die Mitfreude öffnen sollen.

Und trotzdem hat es einen guten Sinn, diese Vaterunserbitte als Gebet zu formulieren. Denn wir Menschen sind nun mal oft selbstgerecht, halten uns für besser als andere, gönnen nicht jedem etwas Gutes. Das heißt: Wie sind oft nicht imstande, uns so über die „Zöllner und Sünder“ zu freuen wie Jesus. Daher ist es gut, zu beten, dass Gottes Wille geschieht. Wir merken: Diese Vaterunserbitte verändert nicht zuerst die Welt, nicht primär „die Erde“, sondern zuerst – uns selbst, wenn wir so beten.

Diese Vaterunserbitte verändert nicht zuerst die Welt, nicht primär „die Erde“, sondern zuerst – uns selbst, wenn wir so beten.

Wertschätzung – bei Gott und bei uns

Übrigens ist der Himmel-Erde-Zusammenhang, den uns die drei Gleichnisse zeigen, keine Randerscheinung. An anderer Stelle sagt Jesus etwas ganz Ähnliches. Er warnt seine Hörer: „Seht zu, dass ihr nicht eins dieser Geringen verachtet!“ (Matthäus 18,10). Dem Kontext nach sind diese „Geringen“ nicht nur Kinder, sondern allgemein die Jesus-Nachfolgerinnen und -Nachfolger – diejenigen unter ihnen, die machtlos und leicht verletzlich sind. Wir dürfen diese Glaubensgeschwister nicht verachten. Warum nicht? Jesus begründet es folgendermaßen: „Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel schauen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel“. Zugegeben: Diese Sache mit „ihren Engeln im Himmel“ ist ziemlich rätselhaft. Ich kann sie hier nicht erklären. Deutlich ist aber der Zusammenhang: Im Himmel sind bestimmte Menschen vor Gott repräsentiert und Gott sind sie wertvoll. Das muss sich in unserem Verhalten „hier unten“ widerspiegeln. Der Himmel muss sich auf der Erde abbilden, oder genauer gesagt: in unserem Wertesystem und Verhalten.

„Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“: So zu beten, verändert etwas. Es bringt den Himmel auf die Erde. Und zwar dann, wenn wir selbst uns vom Himmel, von Gottes Willen, prägen lassen.

Dr. Ulrich Wendel

Redakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin.

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